Gastbeitrag: Fahrbericht Elektroauto VW e-Golf

[Dieser Gastartikel stammt von unserem Leser Max Wahl, der Artikel wurde Rahmen unserer Aktion „Neue Aktion: Schreib einen Gastartikel und nimm an der Verlosung teil“ eingereicht.]

Vergangene Woche fand in Berlin die groß-angekündigte Elektro-Show des VW Konzerns „electrified“ statt. Versprochen wurde eine ansprechende und umfangreiche Präsentation der Elektrofahrzeuge des deutschen Herstellers, viele neue Informationen zur Elektromobilität, sowie natürlich den Hauptgrund, warum sich ein Besuch sowieso nicht vermeiden ließ: die Möglichkeit eine Probefahrt mit den E-Volkswagen, allen voran dem neu vorgestellten e-Golf zu unternehmen.
Eine Chance, die ich mir als großen Fan von E-Autos nicht entgehen lassen konnte.

Das Elektroauto VW e-Golf verfügt über eine Reichweite von bis zu 190 Kilometern.
Das Elektroauto VW e-Golf verfügt über eine Reichweite von bis zu 190 Kilometern.

Also auf zum Flughafen Tempelhof in meiner Heimatstadt Berlin: nach einigem Suchen wurde der alles andere als auffällige Eingang zur sogenannten „Show“ gefunden.
Dort angekommen erst einmal Ernüchterung: abgesehen von zwei, drei Videoprojektionen, reichlich Messe-Hostessen, die einen förmlich ansprangen, kaum dass man einem der fünf Fahrzeuge zu nahe kam und reichlich viel Greenwashing des VW-Konzerns, einschließlich „der Mobilität von morgen“ (ein Konzept-Auto und ein E-Bike), Flyern vom wahnsinnig ökologischen Abkommen mit „Lichtblick“, welches 100%-Ökologische Stromerzeugung ermöglichen soll (Zitat: „andere Stromanbieter bieten das nicht“ öhm, Greenpeace Energy, Naturstrom?!) und dem „Reichweiten-Spiel“, dass ganz eindeutig zeigt, dass der Durchschnittsautofahrer ja nur 100 km am Tag braucht.

Naja, ein bisschen mehr erhofft hatte man sich da schon. Aber gut, ich wollte einen e-Golf Probe fahren, nicht mit Messehostessen über das (in meinen Augen trotz allem Ökostrom doch sehr fragliche) Image des VW-Konzerns diskutieren. Also angemeldet für eine Probefahrt, Name, Adresse angeben eingeschlossen, Führerschein vorgelegt und raus aufs Flugfeld, wo sich (gegenüber der gähnenden Leere im Inneren der Hangars) eine wirklich beachtliche Zahl von Interessenten eingefunden hatte, um einen neuen elektrischen VW Probe zu fahren.

Nach nicht einmal 5 Minuten warten saß ich dann schon hinterm Lenkrad eines e-Golfs. Zugegeben, ich war positiv überrascht. Man kann die Hochwertigkeit dieses Autos (zumindest auf den ersten Blick) wirklich fühlen. Zunächst eine kurze Einweisung: VW-Experte (begeistert): „Sind Sie schon mal mit einem E-Auto gefahren?

Ich: „Öhm, ja, i-MiEV, F-Cell, Fluence, E-Smart…“ – (erschreckter Blick des „Experten“) „ …leider noch keinen Tesla“ (dankbares Aufatmen der Fachkraft) „Gut, dann ist das für sie ja alles kein Problem“ – Nö, war es auch nicht, Fahrstufe rein wie bei jedem E-Auto und los geht’s. Etwas gewöhnungsbedürftig: die Rekuperationsstufe wird direkt mit dem Fahrstufenhebel gewählt, die typischen Schaltwippen fehlen hier. Also los: Bremse loslassen und anrollen. Das Fahrzeug zieht fröhlich an, nicht ganz so fröhlich wie ein F-Cell oder E-Smart, aber ich denke doch mehr als ausreichend, um jegliche Ampelspurts zu gewinnen.

Der e-Golf fährt sich angenehm unaufgeregt, ist (natürlich) absolut lautlos unterwegs und fühlt sich ein bisschen an, als würde man über den Asphalt schwimmen. Für typische Golf-Fahrer ja sicher sehr angenehm, für mich persönlich doch etwas „zu lieb“ im Fahrverhalten. Eine etwas straffere Federung hätte dem Auto gut gestanden.

Während der ersten Runde wurde die Fahrt stetig von den Erklärungen des VW-„Experten“ unterstützt. Nun galt es die „praktischen und effizienzsteigernden“ Rekuperationsstufen zu testen. Mein Fazit: fast vollständig überflüssig: die schwächste Stufe der Bremsrückgewinnung ist nicht spürbar, man könnte sie auch einfach freundlich „Aus“ nennen.

Die stärkste Stufe dagegen ist immer noch arg schwach, ein Fahren ohne Bremspedal im Stadtverkehr, so wie es i3-Fahrer beschreiben, ist hier sicher ausgeschlossen. Die Stufen dazwischen wirken auf mich mehr oder weniger  aufgesetzt, ein einfaches Rekuperation „An“ oder „Aus“ hätte mir völlig genügt. Dennoch war der Mensch von VW der festen Meinung, die Kunden würden sich genau solch eine Abstufung wünschen. Sicher eine Frage des Geschmacks.

Die zweite Runde stand an. Mein Beifahrer erklärte sich nun bereit, mir meine Fragen zu beantworten. Und da hatte ich vor allem zwei. Zunächst: Warum kostet ein Auto mit den technischen Daten des E-Golfs satte 35.000 Euro? Die vorhersehbare Antwort des Experten: ich solle bedenken, was ich dafür bekäme, ein voll-ausgestattetes E-Auto, „bester, deutscher“ Qualität, Sitzheizung, Navi und Rückfahrkamera eingeschlossen, was (wir erinnern uns an die Worte der VW-Spitze) ja nur einem Aufpreis von 5000 Euro gegenüber eines vergleichbaren Verbrenner-Modells entspräche.

Elektroauto VW e-Golf von der Seite
Elektroauto VW e-Golf von der Seite

Ich antwortete darauf, dass ich persönlich (Student) lieber ein Auto zum halben Preis hätte und gern auf den ganzen „Krims-Krams“ verzichten würde, dann wäre auch die Reichweite kein Problem. Nach einer kurzen Diskussion entschied der VW-Experte, dass ich wohl schlichtweg nicht zur Zielgruppe gehören würde. Mein Argument, die Leute hätten gern bezahlbare E-Mobilität und weniger High-Tech-Auto ließ er nicht gelten. „Die Kunden heute wünschen sich ALLE eine Sitzheizung, da kann man nicht darauf verzichten“.
Okay, hier spricht die VW-Philosophie, die nach meiner Meinung aber arg fragwürdig ist. Außerdem solle ich bedenken, dass man (im Vergleich zum Zoe, den ich als Beispiel für einen deutlich günstigeren Preis anführte) ja auch deutsche Qualität bekäme („Ein Leaf-Fahrer ist erst gestern in einen E-Golf gestiegen und hat geweint“).

Die Löhne, die Produktionsumstellung, das alles zahlt man ja auch mit, nicht zu vergessen das technische, neu-erworbene Know-How.
Okay, ich schließe jetzt mal daraus dass sich Nissan-Renault das Wissen dann wohl irgendwo geklaut und seinen Mitarbeitern nur Hungerlöhne bezahlt, was sich dann in der Qualität niederschlägt. Ähm ja.
Und zu guter Letzt, solle man auch nicht vergessen, so mein Beifahrer weiter, dass VW an seinen E-Autos keinen Cent verdient. Die gesamte E-Mobilität werde aus Überzeugung vorangetrieben und nicht, um Geld zu verdienen. Das ist sowieso ein Grundprinzip von Volkswagen, man arbeite nur für den Menschen. Das Lachen musste ich mir dann schon verkneifen, welcher Konzern würde denn auch bitte mit irgendeinem Produkt Geld verdienen wollen. Risikokapital investiert natürlich keine andere Firma, lieber Volkswagen-Konzern ich habe fast Mitleid.

Die Antwort auf meine nächste Frage, warum ein E-Golf denn nun nicht mehr als 150 km Reichweite (bei normaler Fahrweise) schaffen würde (Seitenblick zu Tesla), konnte ich mir da schon fast denken.
Die Antworten zusammengefasst:

  1. Teslas Angaben sind ja alle drastisch geschönt und halbieren sich bei „normaler“ Fahrweise locker. Das funktioniert nur bei 80km/h. (Ähm, nein, ich lernte bereits einen Tesla-Fahrer, der auf der Strecke Köln-Berlin gern 150 aufwärts fährt und nie Reichweiten-Sorgen hatte.)
  2. Ein größerer Akku würde ja auch viel mehr kosten, ein Tesla koste ja auch 100.000. (Naja, fast und dafür krieg ich ein Auto a la 7er-BMW, aber okay, bitte.)
  3. 3. Die großen Akkus von Tesla seien ja auch eine unsichere, gefährliche Bastlerlösung, auf die man sich doch bei solchen Preisen nicht verlassen wollen würde. Und wer weiß überhaupt wie lang die Akkus halten. (Ich habe mir dann gespart von Teslas Garantien anzufangen.) Ziel des Projektes E-Mobilität bei Volkswagen sei es ja auch vor allem, den Menschen diese Vorurteile zu nehmen.

Und da war die Probefahrt dann auch schon vorbei.

Elektroauto VW e-Golf von hinten
Elektroauto VW e-Golf von hinten

Mein Fazit: Der e-Golf ist ein tolles Auto, nur leider steht dahinter ein Konzern, der nach meiner Meinung alles andere als Interesse an einem wirklichen Fortschritt im Bereich E-Mobilität zu haben scheint.
Der Fortschritt passiert hier sehr, sehr langsam und unter Vorhaltung fragwürdiger technischer Ansätze. Mein Beifahrer wohl mag Recht haben, wenn er sagt, dass ich wohl nicht zur Zielgruppe des E-Golfs gehöre.

Meine Frage ist nur: wer gehört denn bei diesem Preis und diesen eigenwilligen Rechtfertigungen überhaupt zur Zielgruppe? Oder anders gefragt: Hat VW überhaupt Interesse daran E-Autos zu verkaufen? Oder ist das alles nur ein großes Greenwashing- und Image-Verbesserungsprojekt, bei dem man gleich noch ein paar Millionen zusätzlich verdienen kann?
Denn wenn es nicht so wäre, dann hätte der E-Golf meiner Meinung nach gute Karten mit etwas mehr Reichweite, einem attraktiveren, weil nicht künstlich aufgebauschten Preis durch eine knappere Ausstattung zu einem ernstzunehmenden, überzeugenden E-Fahrzeug zu werden, welches die Konkurrenz problemlos in den Schatten stellen könnte.

Passende Fahrzeuge

Symbolbild. Das Elektroauto VW e-Golf verfügt über eine Reichweite von bis zu 190 Kilometern.

Elektroauto VW e-Golf

Plug-In Hybridauto VW Golf GTE schräg vorne

Plug-In Hybridauto VW Golf GTE

Elektroauto Mitsubishi i-MiEV

Mitsubishi Electric Vehicle (i-MiEV)

Tesla Model S

Elektroauto VW BUDD-e. Bildquelle: VW AG

Elektroauto VW BUDD-e

Das Elektroauto BMW i3. Bildquelle: BMW AG

BMW i3

Das Elektroauto BMW i3 wird seit November 2013 in Deutschland verkauft. Bildquelle: BMW AG

BMW i3 mit Range-Extender

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Kai

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13 Gedanken zu „Gastbeitrag: Fahrbericht Elektroauto VW e-Golf

  • 24. März 2014 um 09:27
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    Sehr guter Artikel. Spiegelt gut die Haltung des VW Konzerns wieder (Alles nur Greenwashing und Image-Verbesserung).
    Zum Thema Tesla: „unsichere, gefährliche Bastlerlösung“.
    Hätte ich ihn mal gefragt warum VW sich ein Model S bestellt hat um es anschliessend zu zerlegen und daraus zu lernen.

    VW ist das Schlusslicht in Sachen Innovation und Emotion. Wie man da der größte Automobilkonzern werden will ist klar, allein durchs Marketing.

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  • 24. März 2014 um 09:35
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    Danke für die Veröffentlichung!
    @Chaser: Dass mit dem zerlegten Model S wusste ich gar nicht, hätte man wirklich fragen sollen!

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  • 24. März 2014 um 10:56
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    Bei unserem Ford Focus Electric ist die Rekuperation (2 Stufen) sehr stark. (Stärker als beim BMW I3) Somit kommt der Golf E eher nicht für uns in Frage. Die Felgen beim Golf schauen nicht wirklich gut aus.

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  • 24. März 2014 um 14:04
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    Wer kauft sich auch schon einen Golf für 35.000,- € ?
    Fürs gleiche Geld bekommt man einen BMW i3, oder für 15.000,- weniger einen Renault ZOE.

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  • 24. März 2014 um 16:35
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    Warum hatte der „alte“ Golf e-bluemotion aus 2012 einen 11kw 3-phasenlader und der „neue“ nur eine 3,7kw 1-phasige Schnarchladung ? Was ist das für eine Politik ? Wieso macht man das neue Auto bewusst unattraktiv ?
    Wieso wird wieder NICHTS über das Aufladen erzählt ?

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  • Pingback:Deutscher Auto Blogger Digest vom 24.03.2014 › "Auto .. geil"

  • 25. März 2014 um 08:53
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    Leute die nicht nachts zu hause laden und den eGolf nur als zweitwagen nutzen zählen vermutlich nicht zur zielgruppe von VW? 🙁 Dann sind auch Ladezeiten relativ nebensächlich… Da wird der neue mitsubishi EV für 24.000 € und mit schnellladung (chademo?) richtig attraktiv!

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  • 25. März 2014 um 10:00
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    Kein bisher auf dem Markt erschienenes E-Auto ist zukunftsfähig: Nicht ein Hersteller (auch Tesla nicht) sichert zu, dass die Batterie gegen eine neue, technisch verbesserte Generation ausgestauscht werden kann. Damit wird der Zeitwert dieser Fahrzeuge nach 3 Jahren um 80% gefallen sein und es verbietet sich der Kauf eines E-Autos bei einem Preis oberhalb EUR 15.000. Jetzt ist die Zeit der Rückläufer aus den Vorzeigeprojekten. Fluence Z.E., iMiev und Co werden gerade bei geringer Laufleistung um 50% reduziert angeboten und verstopfen den Markt. Wer schlau ist, handelt den Preis weiter herunter und greift zu. Die Vorführfahrzeuge haben dieselben Nachteile, wie die aktuellen Modelle: Eingeschränkte Wintertauglichkeit, begrenzte Reichweite und lange Ladezeiten. Zum Experimentieren taugen sie dennoch, bis bei den Herstellern endlich der Groschen gefallen ist. Ein Twizy tut’s ganz gut, bis das Angebot stimmt.

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  • 5. Juli 2014 um 19:30
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    Was soll beim i3 besser sein als beim e-golf?
    Beim Golf bekommt man wenigstens ein vollwertiges Auto und keinen Kleinwagen.
    Typisches arrogantes BMW Gehabe

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