Gastbeitrag: Die Mär vom Problem der regionalen Aufladeinfrastruktur für Elektroautos

5 Minuten Lesezeit

[Dieser Gastartikel stammt von Herrn Pölling – Vocke, welcher den Vertrieb bei Rimac Automobili leitet, sowie ab und zu Vorträge zum Thema Elektromobilitaet hält. Der Artikel wurde Rahmen unserer Aktion „Neue Aktion: Schreib einen Gastartikel und nimm an der Verlosung teil“ eingereicht.]

Wenn man in Deutschland einen Großteil der Diskussionen zum Thema der Elektromobilität verfolgt und Erklärungen für die mangelnde Akzeptanz von Elektroautos sucht, tritt neben den finanziellen Gegebenheiten und einer potenziell mangelnden Reichweite auch immer wieder der Themenkomplex der mangelnden Ladeinfrastruktur in den Vordergrund.

Im Vordergrund sieht man den Rimac Concept_One. Bildquelle: Rimac Automotive

Im Vordergrund sieht man den Rimac Concept_One. Bildquelle: Rimac Automobili

 

Es handelt sich hierbei in der aktuellen Entwicklungsphase der Elektromobilität in weiten Teilen nur noch um ein Randproblem und vermutlich in nicht allzu ferner Zukunft um eine ganz anders geartete Herausforderung. Die wichtigste allseits bekannte Erkenntnis ist jedoch, dass Elektroautos heutzutage vergleichsweise überproportional teuer sind und vor allem im Einstiegsbereich dafür doch relativ wenig zu bieten haben. Dies trifft ebenfalls teilweise auf aktuelle Modelle aus dem Hause BMW und VW zu. Dies erklärt auch, warum Elektroautos momentan leider bei Unternehmen in Deutschland deutlich beliebter sind als bei privaten Endkonsumenten.

Die eigentliche private Klientel für ein Elektroauto heutzutage und ebenfalls der nächsten 5-10 Jahre wird immer eine tendenziell wohlhabendere Bevölkerungsschicht bleiben. Grundsätzlich werden Elektroautos nur nachhaltig interessant, wenn Sie neben einer sinnvollen Reichweite auch eine vergleichbare Leistung (vergleichbar mit einem traditionellen Fahrzeug im selben Preisbereich) erreichen.
Aktuell bietet fast nur Tesla Motors mit dem Model S im Premiumbereich ein wirklich konkurrenzfähiges Produkt an, das in weiten Bereichen sogar der klassischen Konkurrenz (im selben Preisgefüge) überlegen ist. Am Beispiel Norwegen kann man jedoch auch eindrucksvoll sehen, welch positive Auswirkungen eine politische Intervention zu Gunsten von Elektroautos herbeiführen kann.

Unter der Annahme, dass Elektroautos leider in absehbarer Zeit hierzulande preisintensiv bleiben werden, stellt sich erneut die Frage nach der eingangs erwähnten Ladeinfrastruktur. Wo könnte ein Bundesbürger der „Mittelschicht“ sein Elektrofahrzeug aufladen? Wenn man aktuelle Statistiken im Wohungs – und Hauseigentum zu Rate zieht, erhält man hier die Antwort relativ schnell. Mehrere Millionen Menschen besitzen Ihr eigenes Heim. Somit häufig sogar ein eigenes Haus mit einer eigenen Garage und/oder zumindest einem Stellplatz.
Die Situation in gewissen Ballungsgebieten (Berlin, Hamburg etc.) ist sicherlich anders, spielt aber in der Gesamtbetrachtung keine zentrale Rolle. Die aktuelle Diskussion über eine angeblich mangelnde oder schlechte Ladeinfrastruktur ist schädlich für die Adaption, da Sie vielen Menschen die Notwendigkeit von etwas suggeriert, das Sie im alltäglichen Leben niemals in Anspruch nehmen werden und auch nicht vermissen würden, wenn Ihnen nicht glaubhaft gemacht werden würde, dass Sie es doch so dringend benötigen.

Bei logischer Betrachtung fällt schon nun auf, dass die einzig aktuell relevante Kundengruppe schon jetzt kein bedeutendes Problem mit der lokalen Ladeinfrastruktur haben sollte, dies selbst bei durchaus nicht zielführenden Reichweiten von unter 200km. Die flächendeckende Verfügbarkeit von Aufladestationen in den eigenen vier Wänden erklärt auch, warum das Thema Brennstoffzelle (neben vielen anderen Gründen) vermutlich für immer ein Wunschgedanke der Zukunft bleiben wird.
Die meisten Menschen, für die aktuell ein Elektroauto erschwinglich ist, besitzen häufig ein Wohneigentum, das im Regelfall die idealen Voraussetzungen für den Erwerb und die Nutzung eines Elektroautos erfüllt. Schon sehr bald werden Elektrofahrzeuge auf dem aktuellen Preisniveau schon über rein elektrische Reichweiten von 250-300km oder mehr verfügen, im Premiumbereich sogar von bis zu 600km.

Die meisten Infrastrukturprogramme im Umfeld der Lademöglichkeiten sind heutzutage jedoch nicht nur leistungstechnisch zu schwach, nicht überregional aufeinander abgestimmt, sondern Sie werden auch komplett an falschen Orten geplant und realisiert. Realistisch gesprochen sind vermutlich ein Großteil der aktuellen Ladestationen überflüssig und heftig subventionierte Fehlinvestitionen.
Der durchschnittliche Kunde eines preisintensiven Elektroautos braucht nur in den seltensten Fällen die Möglichkeit sein Fahrzeug in Innenstädten und/oder sehr innenstadtnah aufzuladen, denn er tut dies viel lieber zu Hause in seinen eigenen vier Wänden.
Dies ist auch der entscheidende Vorteil zum traditionellen Fahrzeug, bei dem man stets auf eine externe, außerhäusliche Infrastruktur in Form einer Tankstelle angewiesen ist.

Elektroauto Concept_One von Rimac Automobili. Bildquelle: Rimac

Elektroauto Concept_One von Rimac Automobili. Bildquelle: Rimac

Dieser Trend verstärkt sich vermutlich immer weiter, desto stärker die Reichweite der verfügbaren Elektroautos steigt. Die einzige relevante Ausnahme sind hierbei Carsharingprogramme, die sich auf Ballungsgebiete beziehen und bei denen eine innerstädtische Aufladung ermöglicht werden muss.
Die wirklichen Investitionen bei der Ladeinfrastruktur müssten schon jetzt an den Ansprüchen der Zukunft orientiert werden und sich auf Überlandfahrten und die Verbindung von Ballungsgebieten konzentrieren.
Außerhalb von Carsharinglösungen sollten Investitionen in innerstädtische Aufladestationen zurückgefahren werden und überregionale Strecken für den Bedarf der nahenden Zukunft deutschlandweit und einheitlich mit wirklichen Schnellladestation, wie beim Supercharger von Tesla Motors, erschlossen werden.

Am Beispiel Tesla Motors sieht man auch, dass einige Unternehmen sich dieser Tatsache schon angenommen haben. Aus rein persönlicher Sicht würde ich es begrüßen, falls deutsche und internationale Hersteller sich selber, allerdings gemeinsam, am Aufbau dieser Infrastruktur beteiligen.

Write a comment
To write a comment as guest you have to add your name and email.